
Nach einer kurzen Autofahrt erreichen wir unseren ersten Wanderweg. Es soll zu Ray’s Farm, zu den Natural Springs und zu einem See gehen. Also packe ich meinen Rucksack, und wir marschieren los. Der erste Teil des Trails ist richtig schön: Er führt über eine offene Wiese, und viele Blumen blühen bereits. Dadurch schimmert der Weg in Rot, Gelb, Blau und Weiß. Nach nur wenigen Minuten stehen wir an einer Quelle mit natürlichem Wasser, der ersten dieser Art auf der Tour. Von hier aus haben wir einen weiten Blick über die Felder bis hinüber zu Ray’s Farm.
Ray’s Farm besteht aus ein paar einfachen Hütten. Hier hat die Familie Ray in den frühen 60ern gewohnt. Der Gedanke passt gut zu dieser stillen, offenen Landschaft, in der man jede Bewegung weit vorher sieht. Noch wirkt alles leicht, fast wie ein Spaziergang. Wir bleiben kurz stehen, schauen über die Wiese und nehmen den Moment mit, bevor der Weg uns weiterzieht.
Durch den Wald zu Ray’s Farm
Danach führt der Trail in dichteren Wald, sehr zur Freude von Sabrina. Der Wechsel ist deutlich: weniger Licht, mehr Geräusche, mehr Unterholz. Ich gebe zu, es ist nicht der beste Weg, den wir heute gehen, weil er stellenweise unübersichtlich und etwas verwachsen ist. Trotzdem hat das Ganze etwas Beruhigendes, weil der Wald die Hitze schluckt und die Luft frischer wirkt. Zwischendurch sehen wir ein paar Rehe, die sich ebenfalls ihren Weg durchs Dickicht schlagen. Allein dafür lohnt sich der Abschnitt schon.
Wir gehen weiter, Schritt für Schritt, und achten auf die Umgebung. Der Trail zieht sich hier nicht spektakulär, aber konstant, und genau das macht ihn anstrengender als gedacht. Immer wieder knackt es irgendwo, und jedes Mal schauen wir automatisch in die Richtung. Wir bleiben im Rhythmus, reden ein bisschen, und lassen den Wald einfach passieren. Nach einer Weile öffnet es sich wieder leicht, und wir nähern uns dem nächsten markanten Punkt.
Mineral Springs und die Bärenwarnung

Nach etwa 20 Minuten kommen wir an den Mineral Springs an, einem weiteren Spot mit Mineralquellen. Dort treffen wir ein deutsches Pärchen, das komplett außer sich ist. Sie erzählen, sie hätten weiter vorne eine Schwarzbär-Mama gesehen, nur etwa 10 m von ihnen entfernt. Außerdem hätten sie beobachtet, wie die Mutter die Jungen auf einen Baum schickt, um sie in Sicherheit zu bringen, während sie sich verteidigt. Das ist der Moment, in dem sie sehr langsam umdrehen und zurückgehen. Auf dem Rückweg treffen sie noch eine Gruppe Kanadier mit Kindern, die trotzdem weiterläuft.
Und nun stehen wir vor der Entscheidung: 60 Minuten durch das Gestrüpp zurück oder ungefähr 15 Minuten bis zum Ziel weiter. Wir gehen zuerst vorsichtig los, unterhalten uns sehr laut, klatschen in die Hände und scannen Büsche und Bäume nach Bewegung. Denn wer sagt uns, dass der Bär nicht genau in Richtung unseres Rückwegs unterwegs ist. Vor jeder Kurve plane ich im Kopf den Rückzug, und gleichzeitig versuchen wir, ruhig zu bleiben. Wir verlassen uns darauf, dass die Bären sich in so einer Situation verteidigen und nicht einfach angreifen. Durch unser lautes Gerede zeigen wir außerdem klar, wo wir sind und in welche Richtung wir gehen.
Also gehen wir weiter und weiter. Wir sehen platt getretenes Gras und mehrere frische Kotstellen, ohne sicher zu wissen, ob das wirklich Bärenkot ist. In dem Moment reden wir noch lauter und werden etwas schneller. Irgendwann hören die Kotstellen auf, und das Gras ist nicht mehr so platt. Wir werden wieder langsamer und merken, wie die Anspannung nachlässt, ohne ganz zu verschwinden. Gleichzeitig fällt die Entscheidung: Das ist heute unser letzter Trail, die anderen ein bis zwei streichen wir.

Als wir am Auto ankommen, treffen wir die Gruppe Kanadier wieder. Sie meinen, das mit dem Bären sei alles halb so schlimm. Wir sollen froh sein, dass wir nicht wüssten, wie viele Bären uns auf unserem Weg beobachtet hätten. Der Satz sitzt, auch wenn er lässig gesagt ist. Nach diesem Bärenmoment steht für uns fest, heute lieber etwas Ungefährlicheres zu machen.


















