Früher Start am Lake Louise
Ich könnte heute fast das Gleiche schreiben wie gestern, was das Aufstehen angeht, nur mit einem Unterschied: Ingo ist sofort topfit, sobald der Wecker um 7 Uhr klingelt. Ich bin es nicht, aber er kennt kein Erbarmen und ich muss kurz nach sieben aus den 

Im Reiseführer steht die Route als “moderate bis schwer” und ist mit 3,5 Stunden angesetzt. Das wollen wir gar nicht schaffen, wir planen für unsere Verhältnisse eher mit rund 5 Stunden, weniger Kondition als geübte Wanderer inklusive, plus einem wilden Fotografen namens Ingo. Losgehen wollen wir gegen 8 Uhr, spätestens 8:30 Uhr. Natürlich wird es 8:30 Uhr, wegen mir und meinem morgendlichen “Klüngeln”. Nach etwa 25 min Fahrt sind wir da, am Lake Louise, der Ort und See zugleich ist. Der erste Eindruck überrumpelt uns komplett.
Durch den Wald zum Lake Agnes
Im See spiegeln sich die Berge, und das Farbenspiel mit der Sonne ist einfach beeindruckend. Hinter dem Wasser steht das Chateau Lake Louise, ein Schlosshotel, das wirklich wie ein Schloss aussieht und für jede Person offen ist, die für eine Nacht mehrere Hundert Dollar zahlt. Ich kann mich kaum von diesem Bild losreißen, so gut sieht das aus. Wahnsinn. Ingo drängelt trotzdem, er will wandern, ich bin in dem Moment noch nicht so begeistert. Aber was soll ich machen: Meine Schuhe sind wieder trocken, wir haben alles dabei, also keine Ausrede mehr.

Zunächst geht es in den Wald hinein und dort praktisch nur bergauf. Es ist nicht richtig steil, eher eine kontinuierliche, leichte Steigung, die einfach nicht aufhört. Am Anfang denke ich noch, das wird gleich wieder flacher, aber das passiert nicht. Es geht immer weiter nach oben, und das ist auch logisch, schließlich wollen wir von 1.720 m auf 2.270 m hoch. Der erste Abschnitt durch den Wald ist trotzdem angenehm zu gehen, wir können uns sogar noch lautstark unterhalten. Das machen wir auch, wegen der Bären, damit sie Angst vor uns haben.

Nach rund 1 Stunde strammer Wanderung kommen wir am Mirror Lake an, einem winzigen See mitten im Wald. Für einen Moment glaube ich, das sei schon Lake Agnes, unser erster geplanter Ruhepunkt, aber ich liege daneben. Also geht es weiter, weiterhin schön bergauf, Schritt für Schritt. Zwischendurch treffen wir ein älteres Ehepaar, das sagt, wir bräuchten noch etwa 30 min bis nach oben und der Aufstieg sei immer anstrengend. Wie weise, denke ich, das habe ich auch schon gemerkt.


Serpentinen zum Big Beehive
Nach weiteren 30 min stehen wir an einer Art Wasserfall. Wir überqueren ihn über Treppen und eine Brücke, laut Ingo sind es etwa 50 Stufen. Und dann ist er da: Lake Agnes und das Teehaus, an dem wir kurz ausruhen wollen. Der Anblick ist wunderschön, ähnlich wie unten am Lake Louise, nur kompakter und noch ein bisschen gemütlicher. Der See liegt ruhig da, rundherum Berge mit Schnee, dazu Sonne und diese kleine Teehütte. Ingo gönnt sich einen Kaffee und einen Keks, um bei Kräften zu bleiben, denn das ist nicht das Ende unserer Tour. Wir sind hier auf etwa 2.114 m.


Während unserer Pause sorgt ein niedliches Eichhörnchen für Unterhaltung. Als die Bedienung erzählt, dass diese Tierchen auch auf die Tische pinkeln, finden wir das plötzlich nicht mehr ganz so süß. Wir müssen ohnehin weiter, hoch zum Big Beehive auf 2.270 m. Von unten wirkt der Big Beehive riesig, jedenfalls, wenn man davorsteht. Wir sehen ihn schon vom kleinen Waldsee aus und vom Lake Agnes erst recht. Neben dem Big Beehive gibt es auch einen Little Beehive, wie der Name sagt, etwas kleiner, aber das reicht uns nicht. Wenn schon, denn schon.


In der Hütte heißt es, der Aufstieg zum Big Beehive dauere ungefähr 45 min. Zuerst müssen wir Lake Agnes umrunden, und dabei stürzt Ingos GPS-System kurzerhand ab. Er ist richtig wütend, und ich rechne kurz damit, dass das kleine Teil im eiskalten See landet. Es fliegt nicht, es wird nur brummend ausgeschaltet und später wieder eingeschaltet, begleitet von wilden Flüchen. Der See ist schnell umrundet, dann beginnt der eigentliche Anstieg. In netten Serpentinen wandern wir den Big Beehive hinauf, und das fühlt sich angenehmer an als gestern, weil wir weder große Steine überqueren noch klettern müssen. Es geht einfach nur bergauf.


Abstieg, Regen und großer Hunger
In jeder zweiten Kurve legen wir eine Pause ein, um wieder zu Atem zu kommen. Es ist beeindruckend, wie sichtbar der Fortschritt ist: Mit jeder Kurve wird Lake Agnes unter uns kleiner. Irgendwann stehen wir oben, gehen noch ein Stück nach vorn, und gegen 12:30 Uhr erreichen wir den Aussichtspunkt. Wir setzen uns kurz, trinken Wasser und relaxen 5 min, bevor wir ganz nach vorn zur Felskante gehen. Dann kommt dieser Blick: Lake Louise liegt tief unter uns, die Bergfronten ringsum, und die Boote auf dem See sehen aus wie kleine Vögel. Wahnsinn.

Wir können uns an der Aussicht nicht sattsehen. Ein bisschen Regen zwischendurch stört uns nicht, wir sitzen einfach auf dem Felsen und schauen in die Gegend. Um uns herum stehen riesige Berge, teils mit Gletschern, teils sattgrün, und alles wirkt noch größer, weil der See so weit unten liegt. Etwa 30 min sind wir allein da oben, dann kommen die ersten Mitwanderer. Ein Paar bleibt nur 5 min und geht dann schon weiter, vermutlich Profis. Das zeigt ihre Ausrüstung, unter anderem ein Rucksack mit integrierter Trinkflasche, die ich kurz für eine Art Sauerstoffflasche halte. Aber das wäre wohl zu viel des Guten, auch auf rund 2.200 m ist ja noch genug Luft.

Wir machen uns schließlich auch auf den Weg, und es ist kein reiner Rückweg, eher ein Weiterweg. Wir steigen auf der anderen Seite des Big Beehive ab, wieder durch den Wald, teilweise ziemlich steil, sodass uns die Beine vom ständigen Abfedern in den Knien wehtun. Zwischendurch regnet es stärker, aber wir haben unsere neuen Regenjacken dabei. Um nicht denselben Waldweg zurück zum Lake Louise zu nehmen, gehen wir noch ein Stück auf einer anderen Route. Später führen Serpentinen durch Wald, Felder und Wiesen, und wir haben noch einmal einen richtig schönen Blick auf den Berg samt Gletscher, der sich morgens so klar im Lake Louise gespiegelt hat. Irgendwann ist das Wasser wieder fast auf Augenhöhe, eher auf Fußhöhe, denn Augenhöhe wäre suboptimal, dann wären wir unter Wasser.


Man hört das Rauschen des Gletscherwassers wieder richtig laut, und dieses Geräusch fühlt sich wie Ankommen an. Als wir Lake Louise und das Schlosshotel wieder sehen, ist das ein feines Gefühl, auch weil wir inzwischen richtig Hunger haben. Laut Ingo sind es nur noch 2,4 km bis zum Parkplatz, und die gehen wir zügig, denn es ist mittlerweile 14 Uhr. Am Ende sind wir gute 5,5 Stunden unterwegs gewesen. Mein Magen knurrt zwischendurch so laut, dass man denken könnte, ein Bär sei hinter uns her. Trotz des Marschtempos genießen wir noch den Blick auf den See und das Hotel im Hintergrund, in der Sonne sieht alles dreimal besser aus.

Am Parkplatz ist klar: Jetzt zählt nur noch Essen, und zwar schnell.













